Esskultur Westeuropas

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Hering und der Fischhandel der Hanse

Селёдка и рыбная торговля Ганзы

Worum es geht

Die Geschichte des Herings im Norden Europas handelt nicht nur vom Fang. Sie zeigt, wie saisonaler Fischfang die Küsten von Ostsee und Nordsee mit dem deutschen Binnenland verknüpfte und wie der Handel von Salz, Fässern, Schiffen, Zöllen und Stadtrechten abhing. An dieser Kette hingen Fischer, Kaufleute, Böttcher, Fuhrleute, Salzsieder, Zolleinnehmer und die Obrigkeiten der Hafenstädte. Der Fisch wurde zur Ware, die Hunderte Kilometer weit reisen konnte, aber erst, nachdem man ihn haltbar gemacht hatte.

Gern stellt man die Hanse als einheitliche Handelsmacht dar, die den ganzen Austausch gelenkt habe. Das vereinfacht zu stark. Die Hanse wuchs allmählich aus Kaufmannsgemeinschaften und Städten zusammen. Eine gemeinsame Regierung, ein stehendes Heer oder eine zentrale Handelsverwaltung hatte sie nicht. Die Mitglieder arbeiteten zusammen und standen zugleich im Wettbewerb. Hering gefangen und verkauft wurde nicht „auf Anordnung der Hanse“; es kam auf örtliche Herrscher, Saisonmärkte und die Entscheidungen einzelner Kaufleute an. Die hansischen Netzwerke verbanden aber Fangplätze und Absatzmärkte und gaben dem Handel feste Wege.

Wer als Erster Fisch eingesalzen hat, ist keine sinnvolle Frage, denn das Salzen war ein uraltes, weit verbreitetes Verfahren. Spannender ist, warum der Hering im Mittelalter zur Ware des Fernhandels wurde, was den Massenverkauf möglich machte und wie sich die Rolle der Hansestädte wandelte.

Hering und der Fischhandel der Hanse
Foto: Smithsonian Environmental Research Center, CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Historischer Hintergrund

Für die Küstenbewohner war der Hering ein dankbarer Fisch: Die Schwärme kamen regelmäßig an die Küsten, und in der Saison fing man in kurzer Zeit große Mengen. Frischer Fisch verdirbt rasch, also salzte man ihn für ferne Märkte ein und packte ihn in Fässer. Die Qualität hing nicht nur von der Salzmenge ab, sondern auch von der Verarbeitung, der Sauberkeit der Gefäße und den Bedingungen beim Transport. Um den Fang herum entstand ein ganzes Geflecht von Berufen.

Das Salz war der Schlüsselrohstoff. Eine wichtige Quelle für die norddeutschen Städte waren die Lüneburger Salinen. Lüneburg lag im Binnenland, war aber über Wasserwege mit Lübeck verbunden. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts entstand der Stecknitzkanal, der die Einzugsgebiete von Elbe und Trave verband und den Salztransport zur Ostsee erleichterte. Das Salz für den Nordhandel kam freilich nicht nur aus Lüneburg; man nutzte auch Salz von der Atlantikküste. Die Verbindung „Lüneburger Salz – Hansehering“ stimmt, erklärt aber nicht alles.

Lübeck lag günstig an der Ausfahrt zur Ostsee und war einer der wichtigsten Umschlagplätze Nordeuropas. Die Stadt entstand im 12. Jahrhundert und erhielt nach der Gründung durch Heinrich den Löwen 1159 neuen Schwung. Ihre Kaufleute handelten mit vielen Waren, und dank der breiten Verbindungen ließ sich der saisonale Hering in einen größeren Handelskreislauf einfügen.

Die Hanse bildete sich Schritt für Schritt. Sie ging aus der Arbeit deutscher Kaufleute im Ausland und aus der Zusammenarbeit von Städten hervor, die ihre Interessen wahren und Handelsprivilegien erlangen wollten. Kaufmannsgemeinschaften saßen unter anderem auf Gotland und in großen Handelsplätzen außerhalb des deutschen Sprachraums. Mit der Zeit wurde Lübeck für viele Städte zum Mittelpunkt. Mitgliedschaft hieß aber nicht, sich einer einheitlichen Organisation unterzuordnen: Entschieden wurde durch Verhandlungen, und die Umsetzung lag bei den Städten und Kaufleuten selbst.

Zu den wichtigsten Märkten des Heringshandels zählten die Küstenplätze Schonens, einer historischen Landschaft im Süden des heutigen Schweden, die im Mittelalter zur dänischen Krone gehörte. Berühmt waren die Märkte bei Skanör und Falsterbo. In der Saison trafen sich hier Händler aus den deutschen Städten und den Niederlanden. Sie kauften den Fisch und zahlten mit Salz, Getreide, Tuch, Metall und anderen Waren. Den dänischen Herrschern brachten die Märkte Einnahmen, denn sie erhoben Zölle und Abgaben.

Hering und der Fischhandel der Hanse
Foto: Smithsonian Environmental Research Center, CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Verlauf und Entwicklung

Im 12. und 13. Jahrhundert wuchsen Städte und Handel und verlangten nach haltbaren Lebensmitteln. Gesalzener Hering passte für die Stadtbevölkerung, für Klöster, Schiffe und Heere. Besonders gut passte er in die Fastentage, an denen die Kirche Fleisch verbot. Die Fastenregeln erklären den Aufschwung allein jedoch nicht, denn die Nachfrage hing auch von Preis, Verfügbarkeit, Essgewohnheiten und Transportmöglichkeiten ab.

Auf den Schonenmärkten erwarben die Händler den Fisch nahe den Fangplätzen und brachten ihn in die Häfen von Ostsee und Nordsee, von dort ins Binnenland. Der Kaufmann musste nicht selbst fischen: Fang, Einsalzen, Einkauf und Ferntransport konnten sich auf verschiedene Beteiligte verteilen. Darin lag die Stärke des Netzes, denn der örtliche Fang wurde zur Ware, die man fern der Küste tauschen konnte.

Ein wesentlicher Teil des Systems waren die Fässer. Sie schützten den Fisch auf dem Weg und erlaubten, die Ware in großen Partien zu erfassen. Für ihre Herstellung brauchte man Holz und geschulte Hände, und leere wie volle Fässer beanspruchten Platz auf den Schiffen. Salz und Böttcherhandwerk gehörten deshalb genauso zum Heringshandel wie die Netze der Fischer, und jeder Arbeitsschritt wirkte auf den Endpreis.

Auch niederländische Kaufleute und Fischer mischten mit, als Konkurrenten und als Partner. Im späten Mittelalter entwickelten sich der niederländische Fang und die Verarbeitung, und die Holländer traten auf den nördlichen Märkten immer selbstbewusster auf. Ihr Aufstieg erklärt sich aus Schifffahrt, Verarbeitungserfahrung, der Organisation langer Fahrten und dem Marktzugang, nicht aus einer einzelnen Neuerung oder einem plötzlichen Zugriff auf den Fang. Von der hansischen zur niederländischen Vorherrschaft ging es nur allmählich.

Die Hansestädte stützten den Handel mit Privilegien, Verträgen und abgestimmtem Handeln. Sie wollten Kaufleute vor willkürlichen Abgaben bewahren, Märkten den Zugang sichern und die Sicherheit der Seefahrt gewährleisten. In Konflikten schickten die Städte Gesandtschaften, beschränkten den Handel oder schlossen Bündnisse. Nicht jedes Heringsgeschäft stand allerdings unter hansischer Kontrolle: Ein großer Teil des Handels lag bei einzelnen Kaufleuten, und die örtlichen Obrigkeiten hatten eigene Mittel zur Regulierung.

Nicht weniger wichtig war der Warenstrom in der Gegenrichtung. Das Salz, das man zur Verarbeitung des Fangs brauchte, kam aus dem Binnenland und von anderen europäischen Salzzentren an die Küste. Im Gegenzug erhielten die nördlichen Märkte Getreide, Tuch, Metallwaren und Dinge des täglichen Gebrauchs. Der Hering lief also nicht einfach auf einer fertigen Straße; sein Umlauf hielt die Nachfrage nach Transport in Gang und verband verschiedene Wirtschaftszweige.

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde das Handelsumfeld verwickelter. Die Konkurrenz der niederländischen Kaufleute nahm zu, das Verhältnis der Hansestädte zu den dänischen Herrschern änderte sich, und die Kontrolle über Meerengen und Zölle blieb Dauerthema von Verhandlungen. Den Niedergang der schonischen Märkte erklärt man manchmal mit dem Abwandern der Heringsschwärme. Veränderungen im Vorkommen des Fisches mögen eine Rolle gespielt haben, doch die Quellen lassen sich nicht als schlichte, genau datierbare Wanderung lesen. Mitgewirkt haben auch politische Entscheidungen, die Konkurrenz anderer Märkte und Umbrüche in der Handelsorganisation.

Mythen und Fakten

Mythos: Die Hanse war ein einheitliches Handelsreich. Fakt: Die Hanse hatte keine ständige Zentralregierung. Sie war ein wechselnder Verbund von Städten und Kaufleuten, deren Mitglieder unterschiedliche Interessen verfolgten. Richtiger spricht man von einem Netzwerk, das den Handel beeinflusste und Privilegien erwirkte, nicht von einer staatlichen Kontrolle über die Märkte des Nordens.

Mythos: Aller Hanse-Hering wurde mit Lüneburger Salz gesalzen. Fakt: Lüneburg war ein wichtiges Salzzentrum, und die Wasserweg-Verbindung nach Lübeck hatte großen Handelswert. Das Salz kam aber auch aus anderen Gegenden. Den gesamten Fisch ohne Vorbehalt einer einzigen Salzregion zuzuschreiben, ist nicht richtig.

Mythos: Der Niedergang des schonischen Fangs kam, weil der Hering die Ostsee verlassen hatte. Fakt: Historiker diskutieren Veränderungen im Fang, doch den vielschichtigen Wandel auf ein massenhaftes, genau bestimmbares Abwandern der Schwärme zurückzuführen, ist riskant. Auf den Handel wirkten auch die Politik der dänischen Krone, Abgaben, Konkurrenz, Handelswege und die Organisation der Märkte.

Hering und der Fischhandel der Hanse
Foto: Smithsonian Environmental Research Center, CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Folgen und Erbe

Der Heringshandel stärkte die Verbindungen zwischen Küste und Binnenland. Der Fisch ging von den Fangplätzen fort, Salz, Fässer und Tuch bewegten sich in die Gegenrichtung. Für Lübeck und andere Häfen hieß das zusätzlicher Warenstrom und Aufschwung des Zwischenhandels, für Lüneburg im Binnenland Bedarf an Salz und an dessen Transport. So blieben die Städte miteinander verbunden, auch ohne zu einem gemeinsamen politischen Bund zu gehören.

Die Macht der Hanse im Handel beruhte nicht auf dem Besitz der Waren, sondern darauf, Beziehungen zwischen Märkten zu pflegen und für Kaufleute günstige Bedingungen herauszuholen. Weder die Natur des Fangs noch die Politik aller Küstenherrscher lag in der Hand der Städte. Was sie erreichen konnten, hing von Verträgen, Schifffahrt und Konkurrenzfähigkeit ab. Änderten sich diese Bedingungen, änderte sich auch die Rolle der Städte.

Das Erbe dieses Handels zeigt sich in der Geschichte des nordeuropäischen Handels. Es hilft zu verstehen, warum sich Häfen und Binnenstädte als miteinander verflochtene Zentren entwickelten. Die mittelalterlichen Netze sollte man aber nicht als fertigen Staatenbund auf die heutige Landkarte legen oder sich eine einheitliche „hansische“ Fischereiverwaltung vorstellen. Zur Überprüfung des Gesamtbilds taugen Arbeiten wie The German Hansa von Philippe Dollinger sowie Stadt- und Kaufmannsakten: Privilegien, Verträge, Rechnungen und Beschlüsse der Städtetage. Diese Quellen zeigen Handelsrechte und Warenströme, geben aber nicht immer ein vollständiges Bild von Fängen und vom Leben der Fischer.

Hering und der Fischhandel der Hanse
Foto: Andre86, Public domain · Wikimedia Commons

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Schlüsselwörter: Hanse, Hering, Salz, Lübeck, Lüneburg, Schonen, Handel, Ostsee

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